Aufbruch in den Süden

Ich startete den Motor. Nach monatelangen Vorbereitungen lag nun eine Reise vor mir, die mich zu dem zurückbringen sollte, was mir abhanden gekommen war. Die mich wegbringen sollte von dem, was nicht mehr war und hin zu etwas, das ich mit all meiner Seele wollte. Die meine Wolken im Kopf auflösen sollte und mich wieder zu der Person machen, die ich war und auch sein wollte. Kein klassischer Selbstfindungstrip, eher eine Rückführung auf das, was ich als mein Innerstes betrachtete. Denn gefunden hatte ich mich zum Glück längst, ich war nur mal wieder etwas von der Route abgekommen und brauchte Inspiration. Eine philosophische Reise in den Süden in meinem Bulli, nur ich und der Hund, so war es ursprünglich geplant- es kamen dann doch mehr Protagonisten hinzu, aber dazu später mehr.

Es fiel mir nicht schwer, Brandenburg (und Deutschland insgesamt) hinter mir zu lassen. Den Mann in meiner Straße, der mit einem mickrigen und deutlich untermotorisierten Laubpuster in einem Akt unnützer Beschäftigung den Staub von seiner ansonsten laubfreien Einfahrt wegpustete. Die Handwerker, die neue endlose Reihen Doppelstabmattenzäune in die Nachbarschaft installierten und so für eine penible Parzellierung der Brandenburger Vorstadtromantik sorgten. Später dann auf einem Rastplatz die keifenden älteren Frauen mit drogeriedunkelrot gefärbten Haaren in den rosa Frottee-Trainingsanzügen, die es offenbar tatsächlich gab. Sachsen begrüßte alle Durchreisenden von der Autobahnbrücke herab mit einer rechten Demo, sie schwenkten Fahnen und hatten ein Banner angebracht „DEM DEUTSCHEN VOLKE“. Ich fremdelte wieder sehr mit meinem Herkunftsland allgemein und mit diesen Bundesländern im Besonderen. Das Thermometer zeigte 1 °C. Es nieselte.

Hinter Berlin hatte ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber gemacht, welche Route ich nehmen wollte. Schließlich war der Plan, keinen Plan zu haben. Ich entschied mich für Nürnberg und Heilbronn. Die Fahrt auf der Autobahn verlief ereignis- und leidenschaftslos. Zum Glück- emotionale Ereignisse auf der Autobahn sind selten positiv. Einzig ein gigantischer rostroter Vollmond, der über dem bayrischen Fichtenwald aufging, erinnerte daran, dass es auch hier für den, der suchte, Poesie zu finden gab. Kaum hatte ich am nächsten Tag die französische Grenze bei Rheinau überquert, sinnierte ich über die Ortsnamen Elsass-Lothringens. Ich fand es amüsant, dass diese für viele Deutsche schon erhöhtes Schwierigkeitsniveau hatten, nun mussten sich die armen Franzosen mit den ganzen Doppellauten und Konsonanten herumplagen. Ich freute mich über die sich langsam verändernde Landschaft, das wärmer werdende Licht und über meine Eingebung, einen ganz bestimmten Hügel hinaufzufahren, den ich von der Autobahn aus gesehen hatte und der mich nun mit einem wunderbaren Stellplatz oberhalb von Sainte Hippolyte belohnte- Restaurantbesuch mit grandiosem Weißwein inklusive. Zum ersten Mal seit Langem schlief ich wirklich gut.


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