Hatte ich schon gedacht, zwischen Dole und Lyon wirklich Glück mit meiner Routenplanung gehabt zu haben und ein Stück südlich von Lyon auch einen sehr netten Campingplatz nah an der Rhone für eine Übernachtung erwischt zu haben, so übertraf der Übergang in die Provence alles bisherige noch einmal bei Weitem. Es waren geradezu überirdisch schöne Streckenabschnitte zwischen dem Weingut in Saint-Didier, auf dem ich für zwei Tage parken durfte, und Roussillon. Die wildromantischen Hügellandschaften des Vaucluse waren noch um einiges vollkommener als in meiner Vorstellung. Alle Obstbäume standen in voller Blüte und trösteten sofort darüber hinweg, dass der Lavendel noch keine Saison hatte. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel und knackte an diesem Apriltag bereits 25 Grad.
Viele der überaus charmanten Dörfer trugen stolz das Label „Plus beau village de France“. Im noch fast menschenleeren Venasque machten der Hund und ich einen kleinen Mittagsspaziergang. Ich überlegte, statt der üblichen Aufnahmen von spannenden Perspektiven und harmonischen Bildkompositionen einmal den Ort aus der Perspektive des Hundes einzufangen. Hier ein toller Pfosten, da ein interessanter Eingang und WOW, was für eine Treppenstufe! Wir folgten seinen kleinen Pfaden und Eskapaden, auch wenn ich mehr auf die Aussicht und die schöne Architektur achtete und die Sonnenstrahlen aufsaugte.
In Roussillon musste ich in einer besonders schmalen Gasse an einem Vater mit Kleinkind auf einem Fahrrad vorbei und holte mir die erste Schramme am rechten Außenspiegel. Nach einer Schrecksekunde besann ich mich aber. „Wie wundervoll“, dachte ich, „jetzt erinnert mich dieser Kratzer immer an diesen außergewöhnlich schönen Ort.“ Ich war unversehens hineingeraten in das Straßengewirr und befürchtete, es würde immer enger und steiler werden und ich mit dem Bulli nicht mehr hinauskommen. Zum Glück fand ich einen Ausweg.
Hätte ich nicht einen hechelnden und nervösen Hund an Bord gehabt und überdies einen Parkplatz gefunden, wäre ich nicht nur hier gern ausgestiegen und hätte mich umgesehen. Die Dörfer waren bereits gut besucht und ich wusste, dass ihn das zusätzlich stressen würde. Besonders die Idee, von hier Pigmente mitbringen zu können, ließ mich aber nicht los. Die Erde um Roussillon war von einem intensiven und hellen Rotbraun, ich hoffte, das auch im Nachhinein noch irgendwo finden zu können. So kehrten wir aber erstmal zum Weingut Domaine Les Touchines zurück.
Später machten wir einen ausgedehnten Spaziergang um Saint-Didier herum und ich schaute heimlich nach „à vendre“-Schildern an Zäunen. Schwer sank die Sonne am Himmel herab und verschmolz am Horizont zu einem glühenden Wolkenband, das plötzlich auch ein ganzer Ozean hätte sein können, wie ein Übergang in eine neue Welt dahinter.
PS: Später folgte wie bisher jeden Abend Bennys Nachtritual- auf gar keinen Fall steige ich wieder ins Auto! Und wenn ich erfrieren muss! Alle Geduld der Welt, spielerische Ansätze, Schweineohren und französischer Käse halfen nichts. Ich musste meinen störrischen 43kg-Begleiter hineinheben, wobei er sich extra schwer machte und mit den Vorderpfoten versuchte, sich überall abzustützen. Eine Nacht hatte ich ihm nachgegeben und ihn draußen gelassen, in der Hoffnung, er werde von allein zur Vernunft kommen und hinein wollen. Kam er aber nicht und ich litt die ganze Nacht fürchterlich unter dem Wissen, dass der Hund frierend und stur vor der Tür saß. Er sah wirklich elend aus am nächsten Morgen und musste von der Sonne und einer Wärmflasche wieder aufgetaut werden. Nur konnte ich sein geliebtes Sofa vor dem Kamin ihm eben nicht herzaubern.


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